Mika in Wiesbaden
Also erst einmal vorweg: Meine ursprüngliche Befürchtung, mich allein in einer Schar 12-Jähriger wiederzufinden hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, ich war überrascht: Nach meiner Einschätzung war der Ü30-Anteil deutlich höher als der der U20er. Was im Prinzip natürlich ganz angenehm war, andererseits die Hoffnung auf freie Sicht bis zum Mittelmeer (oder wenigstens bis zur Bühne) vereitelte. Anscheinend hat sich auch in der Erwachsenenwelt herumgesprochen, dass Mika gute Musik macht.
Beim Eintreten in den Schlachthof wurden wir Handtaschentussis auf Waffen und Deosprays kontrolliert … zumindest nehme ich das an, denn beim Nachhausegehen stand eine ganze Reihe kleiner bunter Spraydosen am Tresen vor dem Ausgang – konfiszierte potentielle Flammenwerfer? Egal.
Die Luft war schon beim Eintreten ziemlich verbraucht, und während des Konzerts habe ich mich des öfteren gefragt, wo Mr. Penniman eigentlich den Sauerstoff hernimmt, um solche Töne zu produzieren und dabei gleichzeitig wie ein Irrwicht über die Bühne zu hüpfen, AUF dem Klavier zu tanzen, etc. Aber ich greife vor.
Erst einmal kam die Vorgruppe „Jack Beauregard“. Bis die Jungs sich die Instrumente griffen, dachte ich, die gehören zum Aufbau-Team (in ihren Jeans und Trainingsjacken, die aussahen, als hätten sie sie von Papa geerbt…). Dann die Überraschung: Sie fingen an, Musik zu machen. Ähm… Jungs, nehmt es mir nicht übel, aber geht mal zum Styling-Berater, Tanzkurs, Friseur, und hört mit den Drogen auf! Ich meine, wer Joe Cocker schon mal auf der Bühne gesehen hat, denkt ja, es geht nicht schlimmer. Aber weit gefehlt. Der Sänger von Jack Beauregard kanns. Nicht, dass seine Stimme schlecht wäre, auch die Musik war eigentlich gefällig – wenn man z.B. unter Einschlafstörungen leidet, kann ich die wärmstens empfehlen.
So betätigten die beiden sich also mit Gitarre, Keyboard und Glockenspiel als Valium auf vier Beinen – aber das Publikum war nett. Sie wurden mit freundlichem Applaus und vereinzelten Jubelrufen begrüßt – und sogar verabschiedet, was schon was heißen will. Ich frage mich, was Mika hinter der Bühne davon mitgekriegt hat. Ob er sie gehört hat? In diesem Fall muss die Bestürzung groß gewesen sein. Aber er wäre nicht Mika, wenn er es nicht geschafft hätte, das eingeschläferte Publikum innerhalb von Sekunden wieder aufzuwecken.
Die Wartezeit zwischen Mika und den wandelnden Sedativa war erträglich. Auf der letzten Tournee hat er die Geduld seiner Zuhörerschaft ja ziemlich auf die Probe gestellt, aber knapp eine halbe Stunde, nachdem die Vorgruppe das Feld geräumt hatte, ging es schon los. Keine langen Vorreden, sondern mitten ins Geschehen stürzte er das Publikum. Der erste Act erinnerte mich ein wenig an französische Spielfilme … ein bisschen schwer zu verstehen, eine gewisse Tristesse bis hin zu Verzweiflung und Rebellion wurde inszeniert – möglicherweise eine Aufarbeitung seiner Schulzeit.
Und dann legte ER richtig los. Der Kontrast zur Vorgruppe hätte größer nicht sein können. Ein Energiebündel samt und sonders. Laut, lebhaft, skurril und farbenfroh. Wir da unten haben schon vom Zuschauen geschwitzt, der Derwisch im Rampenlicht hat sich dazu noch richtig verausgabt. Immer wieder habe ich mich gefragt, wo er noch Luft zum Singen hernimmt (und dabei noch die höchsten Töne sicher trifft). Bei seiner Tanzeinlage auf dem Klavier habe ich echt Angst um ihn gehabt. Abgesehen davon, dass das Teil bedenklich zu schwanken begann, war die Tanzfläche da oben ja auch nicht gerade groß. Er lieferte seinem Publikum eine routinierte und großartige Show.
Dabei hatte man aber nie das Gefühl von „Star-Allüren“. Er war erfrischend bescheiden und natürlich. Er flaxte mit dem Publikum herum, ließ sich einmal sogar in ein „längeres“ Gespräch mit einem extra aus Brasilien angereisten Fan ein – als dies jedoch auszuufern drohte, fragte er sie lächelnd, ob ihr bewusst sei, dass an die 2000 Zuhörer im Saal und außerdem noch sämtliche Zuhörer von hr3 diesem „privaten“ Gespräch lauschen würden.
Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er sich sein Publikum etwas lebhafter gewünscht hätte. Es schien nicht ganz so euphorisch auf seine Aufforderungen zum Mitmachen einzugehen – was einerseits an dem deutlich gestiegenen Durchschnittsalter und der damit einhergehenden Kniearthrosen, aber andererseits auch dran liegen könnte, dass er sie mit „Guten Abend Darmstadt“ begrüßte, falls mich mein zugegeben nicht ganz zuverlässiges Gehör nicht getäuscht hat. Man möge mir verzeihen, es war ziemlich laut und hinter mir standen drei Besucher aus Frankreich, deren Geschnatter kaum jemals abriss (man muss ihnen aber zugute halten, dass sie beim Mitsingen die Töne trafen und die Texte beherrschten). Vielleicht hat es aber auch nur mit der Eigenart der Wiesbadener zu tun. In der Woche vor dem Konzert habe ich auf einer privaten Feier erfahren, dass man, wenn man Kontakt sucht, nach Mainz geht, wenn man in Ruhe gelassen werden will, nach Wiesbaden. Das hat was mit Mentalitäten, Franzosen und Preußen und verschiedenen Rheinseiten zu tun und nichts mit Mika. Aber wenn Mika es gewusst hätte, dann hätte er sein Konzert vielleicht lieber in Mainz gehalten.
Er hat sich charmant dafür entschuldigt, dass sein Deutsch noch genauso schlecht sei wie vor zwei Jahren – hat aber immer wieder deutsche Sätze mit eingebracht, was natürlich gut ankam (zumal diese süßen kleinen Grammatikfehler und der Akzent jedes anglophile Herz höher schlagen lässt).
Mit riesigen Luftballons und Lametta-Kanonen machte er aus dem Saal gegen Ende der Show einen Kindergeburtstag im ganz großen Stil, für den sich auch die Erwachsenen begeistern konnten.
Gegen halb elf waren sie plötzlich fertig, machten das Licht aus und verließen die Bühne – und ich dachte schon, Mann, der meint’s ernst, der gibt keine Zugaben. Aber natürlich kamen sie alle frisch und in Windeseile umgezogen wieder heraus und gaben noch mal richtig Gas. Dann verschwanden sie erneut und das Publikum musste noch ein bisschen toben, bis sie zum fulminanten Lollipop-Finale ausholten. Das Intro spielten sie mit verteilten Rollen auf riesigen Blechmülltonnen – es war ohrenbetäubend, genial und atemberaubend, vor allem weil sich das Tempo zum Ende hin immer mehr steigerte. Er hat wirklich alles gegeben und man ging befriedigt, mit klingenden Trommelfellen und einem Hauch von Wehmut im Gepäck, weil man ihn nicht mit nach Hause nehmen durfte.
Zum Trost habe ich im Auto als erstes die Mika-CD eingeschoben, denn wer glaubt, dass ich nach so einem Konzert mikasatt gewesen wäre, der hat sich gründlich geirrt. Und wenn er wiederkommt, ratet mal, wo ich dann bin?
